Schweißen kann heute "clean und clever" sein – Berufsfeld immer attraktiver

Interview mit Susanne Szczesny-Oßing, Präsidentin DVS / Aufsichtsratsvorsitzende EWM AG und Geschäftsführende Gesellschafterin der EWM Industry GmbH

Frau Szczesny-Oßing, Sie sind seit diesem Jahr Präsidentin des DVS – Deutscher Verband für Schweißen und verwandte Verfahren. Was hat Sie dazu bewogen, das Amt zu übernehmen?

Ich engagiere mich bereits seit vielen Jahren gerne in den Gremien des DVS. Als vorherige Vizepräsidentin kenne ich die Strukturen des Verbands sehr gut. Ich freue mich auf die Herausforderungen in meiner neuen Funktion und möchte dabei helfen, einen Erneuerungsprozess anzustoßen, der der gesamten Branche zu Gute kommt. Ein besonderes Anliegen ist es mir, Impulse und Erfahrungen, die wir bei der EWM AG gemacht haben, in die Verbandsarbeit mit einzubringen. Ich bin sicher, dass wir als Hersteller, der tief in der Schweißtechnik verwurzelt ist und einen besonders engen Draht zu den Endkunden des Marktes hat, sehr viel beisteuern können.

Als eines Ihrer Topthemen haben Sie bereits die Digitalisierung genannt. Inwiefern kann die Branche hiervon profitieren?

Die Digitalisierung führt in der Branche zu einem großen Wandel. Mit der hochmodernen Schweißtechnik lassen sich auch bislang ungeahnte Möglichkeiten erschließen und immer bessere und effizientere Arbeitsergebnisse erreichen. In diesem Wandel entstehen auch in der Schweißtechnik viele neue Berufsbilder. Es geht darum, die Bedienung zu erleichtern und Prozesse mit Hilfe der Digitalisierung insgesamt zu vereinfachen. Schwerpunktthemen sind neben der Prozesseffizienz die Gestaltung der Aus- und Weiterbildung von Schweißern sowie die Verbesserung der Ergonomie an den Arbeitsplätzen. Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels ergeben sich aus diesen Themen große Chancen für die Attraktivität unserer Branche.

Sie sprechen es an, viele Schweißtechnik-Unternehmen haben mit dem Fachkräftemangel zu kämpfen. Wie kann der DVS dazu beitragen, das Problem zu lösen?

Die Schweißtechnik war früher als „dirty and dangerous“ verschrien. Das hat sich grundlegend gewandelt, denn Schweißen kann heute „clean und clever“ sein. Die Digitalisierung macht das Berufsfeld noch attraktiver. Schweißgeräte sind heute Computer, die auch noch schweißen können. In dieser neuen und digitalisierten Welt der Schweißtechnik finden junge Menschen ihre Lebenswirklichkeit wieder. Diese Chance müssen wir nutzen und das Know-how des Verbandes als zentralem Wissensträger der Branche einbringen. Die Aufgabengebiete reichen von der Gestaltung der Ausbildungsberufe über die Weiterentwicklung des Augmented-Reality-Schweißens bis hin zum internationalen Wissensmanagement. Der DVS ist dort als Dienstleister für die Endkunden der Branche gefordert und kann sein gesamtes Fachwissen einbringen.

Sie sind Aufsichtsratsvorsitzende der EWM AG und geschäftsführende Gesellschafterin der EWM Industry GmbH. Wie wichtig ist für Sie aus Unternehmersicht das Thema Industrie 4.0?

Wir treiben das Thema mit aller Kraft voran – in unseren eigenen Unternehmen, aber immer auch im Sinne unserer Kunden. Viele Unternehmen fühlen sich mit den neuen Möglichkeiten und dem Tempo an Veränderungen, die Industrie 4.0. mit sich bringt, noch überfordert. Der DVS kann an dieser Stelle als Treiber und Bindeglied auftreten, mit seiner Expertise helfen und damit Ängste nehmen. Wir werden uns im digitalen Zeitalter künftig viel stärker mit dem Thema Softwareprogrammierung beschäftigen. Gerade bei den Themen rund um Automatisierung oder künstliche Intelligenz nimmt die IT eine zentrale Rolle ein. Aus Unternehmersicht ist es wichtig, potenziellen Mitarbeitern in diesem Bereich die Attraktivität der Branche zu kommunizieren und sie so für die Schweiß- bzw. Fügetechnik zu begeistern.

EWM ist ein Anbieter für den kompletten Schweißprozess. Welche Rolle nimmt die Autogentechnik bei Ihnen ein und wie beurteilen Sie diese Technologie?

Als Komplettanbieter haben wir die notwendige Expertise dafür im Haus und bieten unseren Kunden im Direktvertrieb natürlich auch Autogentechnik an, sowohl für das Schweißen als auch für das Schneiden. Bei uns als Hersteller von Lichtbogen-Schweißtechnik spielt die Technologie jedoch eine untergeordnete Rolle. In den letzten Jahren hat die Bedeutung des Autogenschweißens kontinuierlich abgenommen. Das lässt sich auch mit Zahlen belegen: Von den heute ca. 100.000 pro Jahr über den DVS abgenommenen Schweißerprüfungen entfallen nur etwa 1.500 auf das Gasschmelzschweißen. Ich finde es dennoch gut und wichtig, dass heute immer noch ca. 1.000 Auszubildende pro Jahr das Autogenschweißen kennenlernen. Das maschinelle autogene Brennschneiden hat heute nach wie vor eine sehr wichtige Stellung in der industriellen Fertigung, insbesondere beim Zuschnitt niedriglegierter Stähle bei großen Blechdicken. So ist die autogene Technik beim Schneiden dickwandiger Bauteile bis 300 mm besonders wirtschaftlich einsetzbar. In der Schweißnahtvorbereitung werden V-, Y- und K-Schnitte in hoher Qualität mit dieser sehr zuverlässigen Technik hergestellt.

Zur Person

Susanne Szczesny-Oßing ist Aufsichtsratsvorsitzende der EWM AG in Mündersbach und geschäftsführende Gesellschafterin der EWM Industry GmbH. Seit 2017 ist die Unternehmerin Präsidentin der IHK Koblenz. Darüber hinaus engagiert sich Susanne Szczesny-Oßing als Vertreterin der Wirtschaft im Rat für Technologie des Landes Rheinland-Pfalz. Seit 1. Januar 2019 ist die Diplom-Betriebswirtin Präsidentin des DVS – Deutscher Verband für Schweißen und verwandte Verfahren e.V. Susanne Szczesny-Oßing ist damit die erste Frau an der Spitze des mehr als 120 Jahre alten Verbands.

Zum DVS

Mit fast 20.000 Mitgliedern repräsentiert der DVS – Deutscher Verband für Schweißen und verwandte Verfahren e. V. ein Expertennetzwerk rund um das Fügen, Trennen und Beschichten von metallischen und nichtmetallischen Werkstoffen. Die Arbeit des DVS deckt alle Facetten der Fügetechnik ab. Dazu gehören die Ausbildung und Prüfung von Fachkräften, die technisch-wissenschaftliche Arbeit, Forschungsaktivitäten, Tagungen und Kongresse für den Erfahrungs-austausch sowie das Erarbeiten von Richtlinien und -Merkblättern.

Zu EWM

Die EWM AG ist Deutschlands größter Hersteller und international einer der wichtigsten Anbieter für Lichtbogen-Schweißtechnik. Mit zukunftsweisenden und nachhaltigen Komplettlösungen für Industriekunden bis hin zu Handwerksbetrieben und einer großen Portion Leidenschaft lebt das Familienunternehmen aus Mündersbach seit mehr als 60 Jahren sein Leitmotiv „WE ARE WELDING“ (dt.: „Wir sind Schweißen“). Das Westerwälder Unternehmen bietet komplette Systeme mit hochwertigen Schweißgeräten, allen erforderlichen Komponenten, Schweißbrennern, Schweißzusatzwerkstoffen und schweißtechnischem Zubehör für manuelle und automatisierte Anwendungen.