Wer sich mit Schweiß- und Fügetechnik beschäftigt, ist inhaltlich längst bei High Tech angekommen

Interview mit Dr. Ralf Polzin, Geschäftsführer Technologie-Institut für Metall & Engineering GmbH

Herr Dr. Polzin, zu den Aufgaben Ihres Institutes zählt unter anderem die Forschung, Erprobung und Anwendung sowie die Förderung der Fort- und Weiterbildung auf dem Gebiet der Schweiß- und Fügetechniken. Welche Schwerpunkte setzen Sie in diesem Bereich?

Unsere grundsätzliche Zielsetzung ist die Unterstützung der metallverarbeitenden Unter-nehmen, insbesondere der vielen Klein- und Mitteständischen Unternehmen (KMU), die keine eigene Forschung und Entwicklung vorhalten können. Diese unterstützen wir sehr anwendungsorientiert bei der Prozess- und Produktoptimierung. Auf dem Gebiet der Füge-technik beschäftigen wir uns speziell mit der Optimierung von Schweißprozessen. Dies umfasst sowohl die Widerstandspressschweißverfahren, als auch die Metallschutzgasschweißverfahren. Wir beschäftigen uns dabei intensiv sowohl mit der Mechanisierung und Automatisierung von Schweißprozessen, als auch mit dem technologisch-wirtschaftlichen Vergleich von Fügeverfahren. Hierbei legen wir besonderen Wert auf einen ganzheitlichen Ansatz. Was wir damit meinen ist, dass es unserer Überzeugung nach dringend angeraten ist, nicht ausschließlich den eigentlichen Schweißprozess zu betrachten, sondern vielmehr auch das Optimierungspotential bei den vor- und nachgelagerten Prozessen mit zu heben. Dazu führen wir umfangreiche Versuche in unserem Technikum durch.

Prozessoptimierung und Kostenreduzierung sind zentrale Themen Ihres Instituts. Welchen Beitrag kann die Autogentechnik dazu leisten?

Wir finden, dass hier generell noch ein großer Beitrag geleistet werden kann. Das beginnt in der Konstruktion, wo bereits die Grundlagen für den Fertigungs- und damit den Schweißaufwand gelegt werden. Werden hier die Materialdicken und die Schweißnähte beispielsweise zu groß dimensioniert oder die Zugänglichkeit nicht ausreichend berücksichtigt, steigt der fügetechnische Aufwand und es wird teuer. Auch bei der Wahl des geeigneten Füge- respektive Schweißver-fahrens lassen sich enorme Kostenreduzierungen verwirklichen. Bei einem Kunden konnten wir beispielsweise den Materialeinsatz um mehr als 15% und bei einem anderen durch die Wahl eines anderen Schweißverfahrens die Kosten um einen jährlichen 6-stelligen Betrag reduzieren.

Wie beurteilen Sie das Verhältnis von Autogentechnik im Vergleich zu Verfahren wie Plasma- und Laserschweißen? Kann man von einem Trend hin zur stärkeren Nutzung eines Verfahrens sprechen?

Jedes der genannten Verfahren hat seine Vor- und Nachteile. Daher fällt es schwer, hier einen Trend auszumachen. Natürlich haben die schnellen Schweißverfahren, wie das Laserstrahl-schweißen, einen Vorteil bei großen Stückzahlen. Aber auch hier gilt die ganzheitliche Betrachtung, denn die Wahl des Schweißverfahrens hat Auswirkungen auf die Konstruktion und vorgelagerte Prozesse wie die Umformung - Stichwort Toleranzen und Spaltüberbrückbarkeit. Dazu kommen weitere Aspekte wie Fachpersonal und Arbeitssicherheit, die es auch zu berücksichtigen gilt.

Diverse Wirtschaftsbereiche – z.B. das Sanitärhandwerk – klagen über Nachwuchs-probleme. Wie schätzen Sie die Situation im Bereich der Schweiß- und Fügetechnikindustrie ein?

Leider ähnlich. Auch hier werden meiner Einschätzung nach geeignete Leute gesucht. Meines Erachtens bedarf es bei vielen metallverarbeitenden Berufen – und ich zähle die Schweiß- und Fügetechnikindustrie dazu – eines Imagewandels weg von „schmutzig“ hin zu „High Tech“. Wer sich mit Schweiß- und Fügetechnik beschäftigt, ist inhaltlich längst bei „High Tech“ angekommen, nur leider ist das in den Köpfen der Menschen nicht immer so.

Eines der Top-Themen ist aktuell „Industrie 4.0“. Wie beurteilen Sie das Potenzial für die metallverarbeitende Industrie?

Da gilt es erst einmal die Fragen zu beantworten, was man unter Industrie 4.0 versteht und was das einzelne metallverarbeitende Unternehmen denn so macht und was angemessen ist. Die Automobilzulieferer haben längst viele Ansätze von Industrie 4.0 umgesetzt. Die Logistik-branche scheint mir auch recht weit zu sein. Für andere metallverarbeitende Unternehmen machen manche Ansätze von Industrie 4.0 meines Erachtens gar keinen Sinn. Ich kann trotz-dem jedem Unternehmen nur raten, sich frühzeitig mit dem Thema zu beschäftigen, denn die Digitalisierung und die Autonomisierung von Fertigungsprozessen wird kommen. Vorher sind aber auch noch andere Fragestellungen zu klären, wie z.B. Datensicherheit, personenbezogene Datenerfassung und Industrie 4.0-konforme Ausbildungs- und Studiengänge/-fächer.

Zur Person

Dr. Ralf Polzin studierte Biomedizinische Technik an der FH Aachen, anschließend Lasertechnik an der THF Berlin und promovierte 2005 im Rahmen eines kooperativen Promotions-verfahrens zum Dr.-Ing. am Institut für Umformtechnik der TU Bergakademie Freiberg. Von 1991 bis 2005 war er in verschiedenen Positionen, zuletzt als Leiter der Verfahrenstechnik, bei der ThyssenKrupp Laser-Technik GmbH in Aachen tätig. Anschließend wechselte er zum Leichtbau Innovation Zentrum Automobil (LIZA) der ThyssenKrupp AG nach Bochum. 2006 übernahm Dr. Polzin die Geschäftsführung der VIA Lasertec GmbH in Kirchhundem. Seit 2009 ist er Geschäfts-führer des Technologie-Instituts für Metall und Engineering, abgekürzt TIME, in Wissen.

Zum Technologie-Institut für Metall und Engineering GmbH (TIME)

Das Technologie-Institut für Metall & Engineering GmbH(TIME) ist ein anwendungsorientiertes Forschungs- und Technologie-Institut mit der Absicht, die metallverarbeitende Industrie bei der Entwicklung neuer Produkte und Verfahren, von der Planung bis hin zur Endbearbeitung, zu unterstützen. Zum Leistungsangebot gehören u.a. die Durchführung von FEM-Simulationen, die Fertigung von Prototypen und die Erprobung modernster Fertigungstechnologien gemeinsam mit den Anwendern. Dazu kommen die regionale Aus- und Weiterbildung von Fachkräften in Abstimmung mit anderen Ausbildungseinrichtungen des Landes, die Förderung des schweißtechnischen Know-hows sowie die Beteiligung und Unterstützung bei Projekten mit anderen Unternehmen und bei öffentlich geförderten Projekten, ergänzt durch die Klärung wissenschaftlicher Fragestellungen.